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Unter grauem Pflaster
Wer heute über den riesigen, asphaltierten Marktplatz von Halle spaziert – vorbei an der Marktkirche, dem Roten Turm und dem Rathaus –, ahnt kaum, worauf er eigentlich läuft. Denn das Geheimnis der Stadtgründung liegt tief unter dieser versiegelten Fläche. Hier verläuft ein geologisches Phänomen, das für eine deutsche Großstadt absolut einmalig ist: die sogenannte „Hallesche Störung“. An dieser tektonischen Bruchlinie treffen zwei Erdschollen aufeinander und drücken etwas nach oben, das sonst tief in der Erde schlummert und die Menschen schon in der Vorzeit magisch anzog: kostbares Salz.
Vom weißen Gold zur Moderne
Diese Solequellen waren der Funke für alles, was folgte: Bereits im Mittelalter wurde Halle zur reichen Handelsstadt und zum strategischen Knotenpunkt zwischen Leipzig, Magdeburg und Thüringen. Aus Salz entsteht Wohlstand, aus Wohlstand eine stolze Bürgerkultur. Jahrhunderte später folgt der Wandel zur Industriestadt. Chemie, Maschinenbau und Kohle (wie die nahen Leuna-Werke) prägen die Region. Bis heute liegt über Halle dieser ganz eigene Mix aus alter Handelsstadt und Arbeiterkultur. Ein Ort des ständigen Wandels, der seine Wurzeln dem Salz direkt unter dem Marktplatz verdankt.
Die BURG und das Bauhaus
Neben Salz und der Industrie besitzt Halle jedoch auch eine lebendige Kunstszene, die sich vor über 150 Jahren entwickelte. Geprägt wurde diese Szene vor allem durch zwei Institutionen: die BURG Giebichenstein Kunsthochschule Halle und die Bewegung des Bauhauses. Zusammen formten sie Halle zu einem der spannendsten – und oft unterschätzten – Kunststandorte Deutschlands.
Eine Alternative zum kühlen Funktionalismus
Die heutige BURG entstand Anfang des 20. Jahrhunderts aus einer reformorientierten Kunstgewerbeschule. Unter dem Architekten Paul Thiersch entwickelte sich die Schule zu einer modernen Werkstatt- und Gestaltungsschule, die eng mit den Ideen des Deutschen Werkbundes verbunden war. Der eigentliche kulturelle Urknall kam jedoch 1925: Als das Bauhaus von Weimar nach Dessau umzog, entschieden sich einige Künstlerinnen und Künstler bewusst gegen den neuen industriellen Kurs von Walter Gropius — und für Halle.
Große Namen wie Gerhard Marcks, Marguerite Friedlaender-Wildenhain, Erich Dieckmann, Benita Koch-Otte oder Walter Funkat machten die BURG zu einem alternativen Zentrum der Baushaus-Bewegung. Ihre Vision war eine enge Verbindung von Handwerk, Technik und Kunst. Das Besondere daran: Während die Moderne anderswo oft kühl und funktional wurde, blieb sie in Halle poetisch und experimentell.
Ein Erbe, das man bis heute spürt
Genau diese gestalterische Sprache prägt das Stadtbild und die kreative Szene bis heute. In unzähligen Werkstätten der Stadt ist dieser Geist nach wie vor spürbar. Auch die BURG selbst unterscheidet sich bis heute von vielen anderen Kunsthochschulen: Sie ist werkstattorientiert, handwerklich und nah am Material.
Der Sinn für das Material
Die Kunstszene in Halle (Saale) lebt von einem ausgeprägten Sinn für das Material und dessen handwerkliche Verarbeitung. Auffällig ist die enorme Dichte an Ateliers, Werkstätten und Gewerken. Kaum eine andere deutsche Kunststadt verbindet traditionelle Handarbeit so selbstverständlich mit zeitgenössischer Kunst.
Ob Keramik, Textil, Schmuck, Druckgrafik, Buchkunst, Bildhauerei oder Glaskunst: Diese Gewerke existieren in Halle an der Saale nicht als nostalgische Disziplinen. Sie sind lebendige, experimentelle Ausdrucksformen, die sowohl in der freien Kunst als auch in der Industrie Anwendung finden.
Von der DDR-Kulturpolitik zur internationalen Strahlkraft
Diese stark kunsthandwerkliche Ausrichtung und die traditionelle Nähe zur Industrie sind charakteristisch für die Kunst aus Halle. Ihre geschichtliche Wurzel liegt in der Bauhaus-Tradition, wurden aber auch maßgeblich durch die Kulturpolitik der DDR geprägt. Doch die engen Bindungen und politischen Beschränkungen jener Zeit führten keineswegs zu einem Versiegen der Kreativität in Halle. Im Gegenteil: Die Künstlerinnen und Künstler der Stadt haben nationale und internationale Entwicklungen in der Kunst entscheidend mit beeinflusst.
Zwei Pionierinnen stehen beispielhaft für diesen Einfluss: Marguerite Friedlaender-Wildenhain gilt als eine der bedeutendsten Keramikkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die mit ihren elementaren, klaren Formen neue Maßstäbe setzte. Oder auch Benita Koch-Otte: Eine Vorreiterin der zeitgenössischen Textilkunst, die durch den Einsatz ungewöhnlicher Materialien die Weberei entscheidenden voranbrachte.
Halles Kunst lebt bis heute vom direkten Dialog mit dem Material. Sie thematisiert, hinterfragt und bricht den klassischen Herstellungsprozess. Genau durch diese Provokation zwingt sie zum Neudenken der Gewerke und ihrer Geschichte und trägt sie gerade deshalb erfolgreich weiter fort.