Liebe Freunde und liebe Gäste,
ich freue mich ganz besonders die heutige Ausstellung zu eröffnen und möchte in diesem Text die Künstlerin Hanna Sass und ihr Werk kurz vorstellen. Und zwar aus meiner Perspektive, die zwar um Objektivität bemüht, aber aufgrund der zahlreichen biografischen Berührungspunkte doch befangen ist. Denn wenn ich mich mit einer Person quasi gleichzeitig in der selben Klasse, dem selben Jahr, dem selben Studienfach, an der selben Hochschule wieder finde, dann ist der Blick sowieso gefärbt. Weil ja ihre Geschichte quasi auch ein Stück weit meine Geschichte ist.
Ich kenne Hanna Sass schon seit mittlerweile 15 Jahren. Sie gehört zu den ersten Künstlerbekanntschaften, die ich als Student hier in Halle machen durfte. Wir haben damals zusammen mit dem Studium der Malerei bei Ute Pleuger begonnen und ich kann mich noch gut an ihre Mappe erinnern. Besonders in Erinnerung behielt ich ihre Farbwahl: Sie war warm, beherzt, erdig, also viele Braun, Rot, Grüntöne und mit Figuren. Nach dem sie sich einige Zeit weiterhin mit eher klassischen Pinselmalerei beschäftigte, hatet sich Hanna seit ungefähr dem dritten Studienjahr dann verstärkt den Drucktechniken zugewandt und von da an hauptsächlich in Grautönen gearbeitet. Auch die Figur rückte etwas in den Hintergrund, wenn gleich das Porträt wie ein Ausgangspunkt in die abstrakte Gefilde diente, in die sie immer weiter vorrückte. Erst in den letzten Jahren tauchte die Farbe wieder in ihren Werken auf und ich finde, auf eine sehr angenehme Art und Weise, aber entschieden anders als die Farbwahl ihrer Mappe. Zunächst in Blau- und Grüntönen, die auch in dieser Ausstellung wieder vorherrschend sind, aber seit einiger Zeit in einer sich stets erweiternden Vielfalt. Zwischenzeitlich hatte aber Hanna eine graue Phase mitten im Studium und vielleicht kann man das einfach so stehen lassen. Die Figur schien ebenso verschwunden bzw. ging irgendwie in dem grau verloren, bis sie sich in der Fotografie wiederfand, ein Medium dem sich Hanna auch seit den frühen Studienjahren widmete.
Ihr künstlerischer Prozess war und ist stets begleitet von einer impulsiven und durchaus körperlichen Arbeitsweise. Ich habe sie auch nie anders arbeiten sehen. Es hat was aggressives, zügelloses und unbeherrschtes, wie sie das künstlerische Material behandelt. Aber dann folgt meist der aufwendige und sorgfältige Prozess des Druckens, der Übersetzung sozusagen, wo all die Impulsivität gebändigt wird. Ich glaube, dass es genau das ist, was ich insbesondere an ihren Radierungen und Holzschnitten mag. Die Verbindung aus rabiater Körperlichkeit und einer sorgfältigen Technik.
Denke ich an ihre künstlerische Arbeit, dann kommt mir manchmal folgendes Bild in den Sinn, dass ich mal vor Jahren aufgeschrieben habe und welches ich immer noch recht passend finde. Das Bild eines Kindes, dass eine Lust darin empfindet, große Steine einen Abhang hinunter zu stoßen. Es wählt sie aus, gibt Ihnen einen kräftigen Stoß und beobachtet gebannt, wie jeder Stein auf eine ganz eigene und unwiederholbare Weise, den Abhang hinunter rast. Bedrohlich und faszinierend.
Also was bei Hannas Arbeit passiert, ist, die Lust auf Interaktion, also ich meine im Kontrast zum Festlegen. Das Material darf sich bei Hanna durchaus zu Wort melden, mehr noch, es darf sogar förmlich in den Mittelpunkt treten. Und Hanna scheint das nicht zu stören, im Gegenteil. In ihrer Fotografie spielt sich etwas ähnliches ab, denke ich. Das Wie wird vorgestellt oder nach Vorne gestellt, nimmt den prominentesten Platz ein und wird gefeiert. Und ich glaube, dass das ein mutiger Weg ist, den Hanna da geht, nämlich dass sie dem künstlerischen Verfahren und dem Material vertraut. So sehr, dass sie dem nicht mehr viel hinzufügen muss und will.
Und vielleicht mag das dem einen oder anderen banal erscheinen: Jede Künstlerin oder jeder Künstler pflegt doch ein gewisses Vertrauen und eine Liebe zum Material und zum Verfahren. Ja, aber bei Hanna ist es schon sehr ausgeprägt. Dass sie eine tonnenschwere Druckmaschine extra aus einem anderen Land einfahren ließ, um darauf zu drucken, soll ein kleiner Beweis sein, das sie jüngst zur Werkstattleiterin der Grafik an der Burg gekürt wurde, ein weiterer. Und wenn ich versuche, an den hier ausstellenden Künstlern immer etwas markantes herauszuschälen, dann wäre es wohl bei Hanna diese Eigenart.
Bereits im Studium habe ich dieses Vertrauen ins Verfahren bewundert, denn ich bin von Natur aus eher skeptisch, wenn jemand sich auf bestimmte Dinge beschränkt oder ihnen sogar vertraut. Hanna hat sich so hineingearbeitet in das Material und das künstlerisches Verfahren, dass mir dabei immer der Gedanke kam: Ist das nicht gefährlich? Sich sozusagen nur auf einige oder wenige Stelzen zustellen und auf denen immer höher und höher zu steigen. Den Dingen wie dem Holz, dem Stein, dem Eisen und den Werkzeugen so zu vertrauen, dass man lächelnd oder vielleicht sogar laut lachend mit ihnen spielt. Hat sie denn keine Furcht, dass sie von den Dingen enttäuscht oder verraten wird, frage ich mich. Ist Hanna vielleicht leichtsinnig oder ist es doch eine Klugheit, die sich dahinter verbirgt.
Manchmal scheint mir ihre künstlerische Arbeit fast zu einfach und dann doch wieder wunderbar einfach. Es ist ja auch schön, z.b. in so ein Blau zu schauen und in den Abdruck der bloßen Holzmaserung einzutauchen. Es ist schön, diese Techniken ganz rein und pur in Arbeit zu sehen. Mir ruft dann Hanna zu: Schau, wie schön! Tatsächlich tut sie das ständig und ist dabei wunderbar mittreißend, aber doch behutsam, denn sie hält oft für ein paar Sekunden in der Begeisterung inne und lässt mir bzw. dem Gegenüber durchaus Zeit etwas anzumerken, sogar Kritik zu äußern oder mit einzustimmen in die Begeisterung. Sie befragt mich also, genauso, wie sie die Materialen befragt und dann sprechen lässt. Sie gibt den Anstoß und schaut was passiert.
Dies ist also mein persönlicher Blick auf Hanna und ihre Arbeit und ich freue mich sehr, dass wir weiterhin zusammen arbeiten und dass es bei ihr immer wieder neue Entwicklungen gibt, neue Steine sozusagen, die sie den Abhang hinunter stößt und heute eben die Ausstellung searching for silence.
Ich wünsche viel Freude damit und allen einen schönen Abend!
Danke sehr!