Mein heutiger Text zur Ausstellung von Stella Matko soll von dem Phänomen der Künstlerinnengruppe an sich handeln. Und zwar deshalb, weil es mich persönlich einfach interessiert und anderseits weil dies bereits die dritte Ausstellung einer Künstlerinnengruppe hier in diesen Räumen meiner Galerie ist.
Ich stellte und stelle mir also die ganze einfache aber auch kritisch gemeinte Frage: Wer oder was ist eine Künstlerinnengruppe. Wer oder was ist Stella Matko. Von außen betrachtet sehe ich zunächst einen Zusammenschluss sechs einzelner Künstlerinnen, die sich unter einem Gruppennamen vereinen. Das löst bei mir erstmal eine gossipartige Faszination aus. Warum haben gerade diese sechs sich gefunden? Kennen die sich so gut? Mögen die sich? Warum ist jener oder jene anderer Künstlerin nicht Teil dieser Gruppe. Warum bin ich nicht Teil dieser Gruppe?
Die Frage nach dem Was stellt sich mir zunächst erstmal garnicht, obwohl das sicher die interessantere Frage wäre. Mich interessiert erstmal wer dabei ist. Und da fällt mir auf: Es handelt sich um sechs individuelle Persönlichkeiten, die jeweils alle schon ein gutes Stück Weg in der Kunstwelt zurückgelegt haben. In Halle sind sie denke ich vielen bekannt, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren, sei es durch zahlreiche Ausstellungen, sei es durch erhaltenen Preise und Stipendien oder sei es durch das jeweilige kulturelle Engagement. Insofern kann ich die Auswahl nachvollziehen. Es verbinden sich sechs etablierte und erfolgreiche Künstlerinnen aus einer Stadt zu einem neuen Gebilde um etwas gemeinsam zu starten. Nur was?
Gemeinsam ist man stärker. Dieser Spruch ist ja allseits bekannt und wird sicher auch manchem Kunststudenten mit auf den Weg geben. Aber ich frage ich, ob das wirklich ein guter Rat ist? Ein paar ganz praktische Vorteile fallen mir jedenfalls ein. Sich in einer Künstlerinnengruppe zu bündeln ist hilfreich, weil es viele Dinge erleichtert, die Öffentlichkeitsarbeit oder den Ausstellungsaufbau zum Beispiel. Aus der Perspektive meiner Galerie bedeutet eine Gruppenausstellung in der Regel eine viel höher Aufmerksamkeit im Vergleich zu Einzelausstellungen. Und ich gebe gern zu, dass ich einer Ausstellungsanfrage einer Gruppe mehr Beachtung schenke als einer einzelnen Person, zumindest dann, wenn ich die Gruppe oder die Person nicht kenne. Warum, weil das in dieser für mich oft so uferlosen Kunstwelt, in der ich mich selbst kaum zurecht finde, weniger Risiko birgt. Ich denke, dass ähnliche praktische Überlegungen sicher auch bei Stella Matko eine Rolle spielten, aber das allein ist es sicher nicht.
Eine Künstlerinnengruppe ist kein reiner Zweckverband, denke ich mal. Dann wäre es wohl eher ein Verein geworden, dessen Sinn ja mehr in einem nach außen gerichteten Engagement liegt. Anders bei einer Künstlerinnengruppe. Hier scheint mir das Engagement nach innen gerichtet zu sein und so schreibt die Gruppe Stella Matko wie ich finde auch recht treffend von Resonanzarbeit zwischen individuell arbeitenden Künstlerinnen. Damit hat die Künstlerinnengruppe vielleicht sehr viel mehr Ähnlichkeit mit dem Prinzip einer Loge in der es Klassischerweise um gegenseitige Persönlichkeitsbildung, philosophischen Austausch und geistige Entwicklung geht. Aber ich glaube nicht, dass sie sich mit diesem schon etwas belegten Begriff schmücken wollen, zumal es das auch immer noch nicht ganz trifft. Die Mitglieder einer Loge sind austauschbar, die Mitglieder von Stella Matko wahrscheinlich nicht. Da verhält es sich wohl eher wie bei einer Band. Bei den Beatles kann ich auch nicht einfach Paul MacCartney und John Lennon ersetzen, dann wäre es wohl eine neue Band.
Eine Künstlerinnengruppe ist vielleicht einfach eine Künstlerinnengruppe. Vorbilder hierfür gibt es ja schon einige, sogar auch im Osten Deutschlands, wenn ich an die Künstlerinnengruppe„Exterra XX“ denke zum Beipspiel. Da stellt sich mir aber eine weitere Frage: Gibt es bei Stella Matko eigentlich auch ein verbindendes politisches oder gesellschaftskritisches Element, so wie es in dieser Erfurter Künstlerinnengruppe aus den 80zigern der Fall war? Oft sind Gruppen und Kollektive ja davon getragen. Oder ist es unnötig danach zu fragen, weil manche Dinge einfach auf der Hand liegen?
Und wie verhält es sich mit dem Spannungsfeld zwischen individueller künstlerischer Produktion und dem Kollektiv? Ist nicht das moderne Künstlersubjekt der Gegenentwurf zu jeder kollektiven Vereinnahmung und besteht nicht gerade der Wert von Kunst seit der Moderne in dem Fokus auf den jeweiligen einen Menschen und der Blick über die Kunst tief in seine Seele hinab? Welche Rolle spielt dann die Zughörigkeit zu einer Gruppe?
Vielleicht ist meine Fixierung auf das moderne Künstlersubjekt aber auch zu kurz gedacht?
Vielleicht bildet gerade das Kollektiv oder die Gruppe überhaupt erst die Grundlage dafür, dass sich die wirklich individuelle künstlerische Position herausbilden kann. Wir sind ja Beziehungswesen ganz gar und geprägt durch die Anderen. Die wohlklingenden künsterischen Tätigkeiten der Gruppe Stella Matko wie das Färben, Falten, Spannen, Weben, und Schichten kommen ja auch nicht von ungefähr. All das wurde in Beziehung oder in Gemeinschaft erlernt und insofern ist es für mich doch verständlich, dass man sich auch nach Studium verbündet, um sich weiterhin gegenseitig zu helfen und an einander zu wachsen.
Ich wünsche der frisch gegründeten Künstlerinnengruppe jedenfalls viel Erfolg. Ich wünsche euch, dass diese Ausstellung der Anfang einer munteren Reise ist, die euch durch viele weitere Ausstellungshäuser, Galerien und Museun führt. Aber auch, dass ihr als Gruppe, wie von euch selbst formuliert, eure jeweiligen Positionen spiegeln, vertiefen und weiterentwickeln könnt und euch sozusagen im Miteinander wiederfindet.