RUHE NACH DEM STURM
Zu den grafischen Arbeiten von Hanna Sass
(vom Meer aus betrachtet)
Einzelausstellung „Searching for Silence“
Galerie Paul Scherzer Halle
07.03. – 11.04.2026
Schäumen, schaukeln, brausen, rieseln, walzen, mahlen, strömen, still - beim Betrachten der Arbeiten von Hanna Sass können bald Assoziationen mit dem Meer aufkommen, obwohl sie doch alles andere als Landschaftsbilder sind. Eigentlich hat sich ihre Arbeit in den letzten Jahren stringent in eine klar ungegenständliche Richtung entwickelt, gestisch und im Dialog mit dem Material. Und doch ist diese Erinnerung an das Meer nicht verwunderlich, kann der Ozean in seiner schier unermesslichen Weite selbst doch nicht mehr ernsthaft zum Reich des Gegenständlichen gerechnet werden. Viel eher ist er eine Dynamik, ein Element, eine Dimension, oder eine Kraft. In den verschiedenen Werkreihen von Hanna Sass kommen verschiedene Aspekte dieser Kraft zum Tragen.
(I) Die Reihe „salty galaxy“ ist das Ergebnis von Experimenten mit Salzkristallen auf Kupferplatten. Die Kristalle wachsen dort weiter, und unter Zugabe von Essigsäure bildet sich in der Verbindung von Kupfer, Wasser und Sauerstoff Grünspan. Die Wachstumsprozesse dieser mineralischen und metallischen Strukturen werden später mit dem Druck der Platte quasi dokumentiert – als Prägedruck ganz ohne Farbe, wodurch sich die Oberflächenstruktur der gewachsenen Salzkristalle auf der Platte filigran ins weiche Büttenpapier drückt, was nur beim nahen Herantreten ans Bild sichtbar wird. Außerdem übertragen sich durch den Druck die Farbigkeiten der gewachsenen Substanzen. Das ganze mutet landschaftlich an, wie kartografische Ausschnitte von Atollen in warmen Gewässern, oder wie Regenwälder, durchflossen von unzähligen Flussläufen. Das Blatt fungiert hier als eine Art Petrischale für die Schönheit mineralischer Wachstumsprozesse, auch kommen durch die Ruhe und Konzentration, die diese Blätter abstrahlen, Ahnungen geologischer Langsamkeiten auf.
(II) In einer zweiten Ausführung der Reihe „salty galaxy“ wird ein Gemisch aus Acrylfarbe und Salzkristallen auf Kupferplatten aufgetragen – die Kristalle sind damit fest mit der Platte verbunden. Danach werden die Platten außerdem nach Kaltnadelart gestisch mit einer Handkreissäge bearbeitet und anschließend als klassische Radierungen gedruckt. Hier entstehen ganz andere Bilder. Die Ruhe macht einer unbändigen Sturmgewalt Platz, ein Getöse, ein Brausen auf hoher See. Wasser von oben, von unten, überall. Gischt spritzt, Sturzbäche von Regen, Gewitterwolken, der Mahlstrom mahlt – die Bilder dieser Reihe sind in ihrer ungestümen Körperlichkeit fast hörbar. Das Bild scheint mich als Betrachterin gleich in einer großen Welle zu verschlingen.
(III) „still“ - das schlichte Setzen einer horizontalen Linie ruft Landschaft hervor: Horizont entsteht und teilt das Bild in oben und unten, in Wasser und Himmel. Entsteht Raum, entsteht Weite. Bis auf diese eine erkennbare Linie ist das Meer weit draußen formlos und unermesslich. Die Linie mit der Handkreissäge in Holz gezogen, roh, aber präzise, die beiden entstandenen Flächen vor dem Druck in verschiedenen Blautönen eingefärbt, teils mit Farbverlauf, lassen eine komplexe Tiefenwirkung entstehen. Kleine Maserungen der Sperrholzplatte drucken sich mit ab – und erscheinen im Bild ohne jedes Zutun als Schaumkronen kleiner Wellen, die im Vordergrund friedlich schaukeln. Dem Material wir ein Mitspracherecht eingeräumt. Später, in den weiteren Blättern der Reihe, kommen zur Horizontlinie vertikale Linien hinzu, die unregelmäßig übers Blatt tanzen. Ruhte das Meer eben noch in friedlicher Stille, beginnt der Horizont nun unter bedrohlichen Vorzeichen zu zittern: herannahende Kometenstürme? Das Nordlicht? Nichts ist mehr gewiss.
(IV) Schließlich das Nordlicht selbst, oder „Aurora borealis“, wie die fachliche Bezeichnung lautet und gleich so der Titel des aus 6 Einzeltafeln bestehenden Bildes. So wie der (in unseren Breiten seltene) Anblick des Nordlichtes einem ein Stück weit den Boden unter den Füßen entziehen muss, lässt einen hier auch die beeindruckende Dimension des Bildes schwindeln. Die Horizontlinie als letzter räumlicher Orientierungspunkt hat sich gänzlich aufgelöst und macht allein den tanzenden vertikalen Linien Platz. Helle Linien in dunkler Bläue bis Schwärze. Die Linien sind hier wieder Arbeitsspuren der Handkreissäge, aber diesmal nicht abgedruckt, sondern tatsächlich – sonst als Druckstock verwendet, ist die Holzplatte hier das Bild selbst, ein Relief. Eine andere Dimension scheint sich zu öffnen, so wie die Handkreissäge die Oberfläche des Holzes „verletzt“ und offenbart. Etwas Helles, Inneres kommt zum Vorschein. Interessant ist, dass die Künstlerin an dem Bild auf dem Boden, selbst darauf hockend, kniend, sich auf, sich quasi im (!) Bild befindend, gearbeitet hat. Sie ist die Kraft, die auf die Oberfläche einwirkt, wie der Wind, der über die Oberfläche des Meeres peitscht. Erwähnenswert ist außerdem der Hintergrund der Künstlerin, die eine Weile als Tischlerin und Matrosin auf dem dem Großsegler „Sea Cloud“ tätig war. Und ist es nicht gerade bei dieser Arbeit so, als befände sie sich wieder auf hoher See? Das Segeln lässt sich vielleicht mit dem künstlerischen Prozess insofern vergleichen, dass auch hierbei die Kunst darin besteht, verständig zu sein über die Strömungen und Winde. Nicht gegen sie zu arbeiten, sondern mit ihnen. Sie als Kolleginnen, Gefährten zu betrachten und von ihren Kräften zu profitieren. Dabei kann man viel stärker sein, viel weiter kommen, als man es jemals alleine könnte. „Im Fluss sein“ (flow) ist nicht zufällig die Beschreibung für einen glückenden Prozess.
(V) Die der Ausstellung titelgebende Reihe „searching for silence“ setzt sich inhaltlich und formal auf den ersten Blick von den anderen ab. Bestimmten bisher körperlich-intuitive Gesten aus dem Prozess heraus die Bildfindung, steht hier ein technisch und konzeptionell streng geplantes Vorgehen hinter den Bildern. Einerseits das Medium der analogen Fotografie, andererseits das „Motiv“: Menschliche Porträts im Dunkeln, Gesichter, Oberkörper, nur spärlich und partiell beleuchtet. Das, was ins Licht tritt, ist fragmentarisch, verschwommen, kaum mehr der menschlichen Gestalt zuzuordnen. Ein Schlüsselbein, mal eine Nasenspitze, ein verwischtes Gesicht. Die unscharfen Formen, in denen man aber dennoch meint, etwas zu erkennen, erinnern in ihrem verwaschenen Schwarzweiß an Ultraschallaufnahmen aus dem Inneren des Körpers, einer nahen Ferne. Sie muten aber auch an, als hätte jemand eine Forschungsmission in die Tiefsee unternommen, nur manchmal streift der Scheinwerfer des U-Bootes eine lichtscheue Gestalt. Auch hier wieder das Meer.
Der Ausdruck „in See stechen“, kommt vermutlich aus der niederländischen Seemannssprache – sich mit einer Stange oder einem Paddel vom Ufer oder von der Kaimauer abstoßen („absteken“). In See stechen heißt also, sich vom Ufer abzustoßen, aus dem sicheren Hafen auszulaufen und Fahrt aufs weite Meer aufzunehmen. Bereit sein für das Ungewisse, es wird womöglich ein Abenteuer. Bereit sein fürs Unbekannte muss man als Künstlerin unbedingt sein, man muss es aber auch als Betrachterin von Werken der Bildenden Kunst sein, möchte man wirklich mit ihnen in Kontakt treten. Auch ein Bild zu betrachten kann sein, als würde man den Hafen verlassen, das Gewohnte, Gewisse, man stößt sich ab von der Sicherheit des Festlandes. Von nun an schwankende Böden und Gischt im Gesicht.
„Schaffen heißt: immer wieder auswandern in die gefährliche Ferne unserer Herzen. Wir laufen im Gegenwind aus dem Hafen, und kommen mit Gegenwind wieder heim.“¹
Miriam Albert
1 Hans-Jürgen von der Wense: „Das Nordlicht“, S. 33, hrsg. von Valeska Bertoncini und Reiner Niehoff, Berlin 2021